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Outtakes

Der Hauptstrom der Ereignisse in einem LKH wird täglich neu geschrieben, das Drehbuch hat nur einen Rahmen - die Protokolle der Untersuchungen. Der Rest? Teils purer Wahnsinn.

Neben meinem leicht rassistischen Nachbarn 1 im Zimmer bekam ich in der letzten Nacht einen Neuzugang. Der charakterliche Idiot wurde von einem tatsächlichen abgelöst.

Wie ich so über die Zeit heraus gefunden habe, hat Nachbar 2 einen ordentlichen Beruf erlernt. Dachdecker. Sein Problem seit frühester Jugend scheint aber der Durst nach Bier zu sein. Nichts gegen ein Bierchen, von mir aus auch ab und zu mal eines zu viel. Jeder wie er will. Er aber hat in den letzten Jahre viel zu viel gewollt. Kurz: Er hat seinen Verstand versoffen, wie man so schön sagt. Und das nicht nur im übertragenen oder bösen Sinn, leider in der Realität.

Donnerstag, die Nase läuft. Ab in den OP. Der Nachbar 1 lauert auf Entlassung, leider ist keine Zeit zur Verabschiedung, da plötzlich Trubel ausbricht und ich aufbrechen muss. Eigentlich war mir das auch egal, denn der Typ war wirklich das Letzte in Sachen Menschlichkeit.

Nudeln mag er nicht, die sind von "den Scheiß Italienern". Pizza? Nie gegessen, aus gleichem Grund. Reis? Der kommt von den "kleinen Fidschis, die wurden uns in der DDR zur Arbeit gebracht, die haben wir schön aufgearbeitet.". Mag er auch nicht. Pommes? Die sind doch vom Franzmann erfunden. Meinen Einwurf, dass doch eher die Belgier dafür bekannt sind, lässt er nicht gelten, denn - die sind noch schlimmer als die "Froschfresser". Die mag er auch nicht, die haben ihm in Paris mal den Geldbeutel gestohlen. Bestimmt einer von den "Niggern", die da rumrennen und natürlich nur auf ihn als Opfer warten. Sind eh nur "Untermenschen", die gehören in die ..... Wir hatten da schon ein paar Diskussionen über Menschlichkeit und den Umgang mit der Realität. Leider durfte ich mich nicht aufregen in dieser Woche. Schade....

Aber auch solche Menschen bekommen ihre Strafe. Hat er schon. Der Sohn hat das Haus überschrieben bekommen, gegen Wohnrecht. Schlaubidumpf war aber so clever, sich nicht die Wohnung zu sichern, er hat nur Wohnrecht. Jetzt eben im Dach, in einer neu für ihn ausgebauten Kammer. Mit Dusche und Klo, sonst aber nichts.

Kochen muss er auf einem kleinen Beistellkocher. Für sich und seine Freundin. Auch die hat ihn einmal angerufen. Ihn, der weder ein Handy noch eine Armbanduhr hat. Und den Bettnachbarn alle paar Minuten nervt mit der Uhrzeitabfrage. Die war nämlich sehr wichtig, weil er sich jedes Mal bei einer gerade bereitstehenden Schwesster über die lange Wartezeit im Bett beschwert hat. Dass aber gerade in dem CT und MRT auch mal Notfälle vorgezogen werden, war dem Herrn egal. Aber sowas von.

Interessant auch das einzige Gespräch, welches er in der ganzen Woche erhalten hat. Und auch er hat nicht angerufen. Da war die Freundin dran.

Ein wenig kann man ja schon erahnen, um was es geht, wenn man zuhört. Ja, habe ich. Er ja auch bei mir. Na und? "Ja?" War also alles, was ihm zur Begrüßung rausrutscht. Dann war lange Pause. Sehr lange. Über die Entfernung war nur zu hören, dass da eine weibliche Stimme am anderen Ende war. Und aufgeregt geplaudert hat. Scheinbar kam keine Nachfrage, wie es ihm geht.

Nach dem Auflegen hat er erst mal nichts gesagt, dann nur. "Die Arbeit vonner Aldn ist abbrennt." Auf meine Nachfrage wurde relativiert, dass nur die Gefrierkammer in der Arbeit einen Defekt hatte, nicht mehr kühlte und die Vorräte nur statt knapp -30° bei +5 liegen. Totalschaden eben. War irgendwie kein herzliches Gespräch zwischen den Beiden.

Nummer 2 lag dann am Donnerstagnachmittag in der Bude. Drumherum viele Schwestern, Aufregung und Gewusel. Erster Eindruck: Oh, ein Mensch mit Behinderung. Zweiter Eindruck: Oh, eine besoffene Sau. Dritter Eindruck: Oh, eine besoffene Sau mit versoffenem Gehirn und weiteren Problemen.

Abgesehen davon, dass er sich mehr als undeutlich artikulierte - was durch den Alkohol schön verstärkt wurde - war irgendwann klar, dass er von Geburt an ein ganz normales Menschlein war und erst in der Lehre dem Alkohol verfallen war.

In der Folge dann ein Sturz von einem Dach, was mehrere Brüche zufolge hatte. Dann, nach der Genesung, ein Unfall mit einem Stapler, er wurde an eine Wand gequetscht, hat dabei die Bewegungsfähigkeit des rechten Armes und rechten Beines verloren. Erst hatte ich Mitleid, weil die Narben deutlich zu sehen waren. Und auch ein paar Fußzehen fehlten. Er nahm das aber locker, denn scheinbar haben die während der Arbeitszeit damals so gesoffen, dass er und sein Staplerfahrer einen Blödsinn machten, bei dem er dann verunglückte.

Die danach einsetzende Arbeitsunfähigkeit wurde für das neueste Hobby genutzt: Saufen. Scheinbar mit Kumpels, denn lt. seiner Aussage hat er immer Freunde zur Seite, die ihm Bier holen. Was auch die erste Frage war: Ob er eines bekommen dürfe. Die Schwester hatte da wenig Verständnis dafür. Und er wenig für die Schwester. Folge: Rücksprache mit dem Doc, Fixierung, nachdem der erste Port gezogen war und nun der gelegte Blasenkatheder dran glauben sollte. In kürzester Zeit hatte er die Windel in Schnipsel zerlegt. Einhändig!

Eine weitere Sedativa bekam er nicht, er hat also schön weiter randaliert. Was solls, ging so die ganze Nacht weiter. Nicht schlimm - ich habe trotzdem tief und fest geschlafen. Trotz des Lärmes.

Ach ja. Der Grund seiner Einlieferung. Er hatte Verstopfungen. Kann seit Tagen nicht auf das Klo. Könnte auch daran gelegen haben, dass er nicht isst, nur trinkt. Dumm war aber, dass die Kumpels meinten, er würde sich nicht trauen, eine Flasche Rohrreiniger zu essen. Granulat. Und weil das so schlecht rutschte, hat er mit Bier nachgespült. Eine dann doch recht schaumige Sache. Die Folge: Ein wenig Ärger in Hals und Mund, eine brennende Zunge und ein ausgepumpter Magen. Hat ihn aber nicht abgehalten, abends schon mit Brot gefüttert zu werden. Kratzt etwas, war der einzige Kommentar.

Kommentare

  1. Da kann man wirklich nur noch Mitleid haben - und zwar mit dir und dem Umfeld des Typen. Beider Typen.

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  2. Ach, Geschichte mit Fortsetzung. Aus einem Paralleluniversum.
    Ich bin gerade etwas fassungslos.

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    1. Ich glaube auch, dass das eine eigene Welt ist. Was da am Tag (und in der Nacht) so hereinschneit, ist sicher etwas, was Bücher füllt :-)

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  3. Na, ich habe mich wacker geschlagen. Bin ja nicht mit Extraschaden zurück gekommen, langt ja auch schon so im Alltag.
    Ich fürchte aber, die beiden Anderen hatten da eher Schäden, die in einer herkömmlichen Klinik eher nicht so gut zu behandeln sind ;-)

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  4. Was hast du den verbrochen, dass man dir so liebe Gesellschaft angedeien lässt?

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    1. Keine Ahnung. Vielleicht haben die Mädels erkannt, dass ich leidensfähig bin ;-)

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  5. Tja, manchmal hat man so Ahnungen ....
    Aber das was Du da „fabriziert“ hast ist schon heftig!
    Allerdings scheint das Ganze ja auch seine gute Seite
    zu haben? So wie Du schreibst ist ja nun Licht in das
    Dunkel gekommen und eine erkannte Gefahr ist meist
    auch eine gebannte!? Ich hoffe es zumindest für Dich.
    Die besten Genesungswünsche auch aus dem Allgäu
    Hans

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    1. Hans, ja, endlich wurde die Ursache gefunden. Die bisherige Diagnose war schwammig aber schlüssig. Und nun gibt es auch endlich einen Heilansatz. Bisher hieß es ja: Beste Werte mit dummen Wirkungen. Durch den akuten Notfall kam dann endlich die Konstellation quasi sofort zur Untersuchung, nicht wie vorher immer, erst Tage danach.

      Und irgendwann, da hält ein kleines Coburger Auto im Allgäu vor der Tür.....
      LG, Holger

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