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Wachrüttelpost

Jeder von uns wird älter. Manche haben das Glück, gesund zu bleiben, andere müssen die Hilfe von Institutionen wie Senioren- und Altenheimen in Anspruch nehmen. Was für die Angehörigen nicht immer nur eine Erleichterung ist (Angriffe von Bekannten und Verwandten, man würde sich das Leben leicht machen und nur das Geld einstecken - wenn denn welches übrig bliebe....). Weder für die zu pflegenden Personen ansich, noch für die Angehörigen, die oft im Zweifel sind, ob es den Lieben wirklich gut geht. Und nicht jeder hat die Möglichkeit, fast jeden Tag nach dem Rechten zu schauen.

Hier KLICKEN für einen Erlebnisbericht, wie er wohl täglich zu Tausenden in Deutschland stattfindet.

Auch der "normale" kleine Mann auf der Straße kämpft gegen die Widrigkeiten, die im Alltag des Pflegegeschäftes entstehen. Dabei mache ich AUSDRÜCKLICH dem Personal keine Vorwürfe. In der Regel haben wir diese Menschen als aufopferungsvolle, liebenswerte, charmante und manchmal auch weit über die Pflichten hinaus agierende Seelen kennengelernt. Menschen, die ihre eigene Gesundheit opfern, teils für Summen, die lächerlich gering sind. Menschen, die immer mit einem Fuß auf dem Blatt der Anklage stehen und bedroht sind, den Job aufgrund von Kleinigkeiten zu verlieren. Nein, meine Kritik gilt dem System als solches. Dem Verwaltungswust. Der Regulierungswut und dem Zwang der Kassen. Menschen, die nur dann in das Rampenlicht gelangen, wenn einmal etwas schief läuft.

Zwischendrin sind einzelne Posten zu finden, die sich ein durchaus gutes Leben leisten können. Stellen, die z. B. in der Bilanz aufgegliedert (HIER einfach mal das betreffende Heim suchen...) sind und mehr als durchschnittlich verdienen. Es darf gestaunt werden.

Zurück zu dem, was wir erlebt haben. Ein paar Jahre nach dem Tod meiner Oma denke ich, ich kann das so veröffentlichen, wie wir das erlebt haben.

Über die Ernährung brauche ich wenige Worte zu verlieren. Essbar, in den meisten Fällen zumindest mit Restwärme ausgestattet, zumindest so, dass man am Leben bleibt. Luxus findet nicht statt.
Wasser gibt es aus der Flasche, die bezahlt das Haus. Eigentlich soll dokumentiert werden, wie viel der "Insasse" täglich trinkt, um eine Dehydrierung zu vermeiden. Macht man aber am Montag ein Zeichen an die Wasserflasche, so kann es durchaus der Fall sein, dass man am Mittwoch leicht überrascht ist. Aber, die Statistik passt. Mal kurz nachgefragt, nach betretenem Blick und räuspern erfährt man dann von einer zittrigen Stimme, dass zwischendurch doch weitere Flaschen leergetrunken wurden. Muss man also glauben, obwohl man es eigentlich nicht glauben kann.

Auch schön ist es zu erleben, wenn die privaten Fächer der Oma ausgeräumt werden. Die Oma war Baujahr 1910, hat also mehrmals neue Währungen und Kriege mitgemacht, in manchen Dingen somit wie ein Eichhörnchen agiert. Wichtig waren ihr immer Taschentücher aus Papier und Creme aus der blauen Dose. Die durften ebensowenig ausgehen wie die Gebisshaftcreme. Nach dem Fifo-Prinzip waren also immer drei Stück/Packungen am Lager. Bis zu dem Tag, an dem der Schrank mit ihrer sonst fein gefalteten Kleidung in wirrer Unordnung war und bis auf die angebrochenen Packungen keine weiteren Dinge vorzuweisen hatte. Zudem war nicht eine der blauen Dosen mehr da, auch keine angefangene. Dafür fand sich in der persönlichen Schublade eine versiffte, außen extrem verschmierte Dose einer Billigstsorte. Auf dem Bodenblech war sogar noch der Rest eines Namensetiketts zu erkennen.

Somit war ein Besuch bei der Stationsleitung angeraten, welche sich das Anliegen auch interessiert angehört hat. Ein Anruf und vor uns stand eine der Pflegekräfte; eine neue, die bisher nicht in Erscheinung trat und frisch von der Sprachschule zu kommen schien. Ein wenig hin und her, ein wenig die Hausordnung zitiert, welche die Unantastbarkeit der privaten Schubladen garantiert und es wurde zugesichert, dass alles in den Ausgangszustand zurückversetzt werden würde. Bis auf eine einzelne Tube Haftcreme blieb alles andere verschwunden, glücklicherweise auch die Pflegekraft. Später haben wir dann von einer ihrer Kolleginnen erfahren, dass sie sich wohl nach einem anderen Betätigungsfeld umgesehen wurde, nachdem mehrere solche Vorfälle stattfanden. Bei meiner Oma aber fanden künftig die "Schrankinspektionen" nur noch in Anwesenheit eines Familienmitglieds statt.

Meine Oma - das muss ich zugeben - ist sicherlich für das Heimpersonal keine leichte Bewohnerin gewesen. Wenn sie etwas gebraucht hat, dann bitteschön umgehend, sofort und in der gewünschten Qualität. Nicht nur wir hatten darunter zu leiden, auch das Personal wurde getriezt. Boshaftigkeit unterstelle ich ihr nicht, einfach nur die Gewohnheit, in einem Haus mit Personal aufgewachsen zu sein, nach dem WW II eine Hausdame beschäftigt zu haben und danach von den drei Töchtern die Wünsche von den Augen abgelesen zu bekommen. Und trotzdem war es so, dass einige Dinge - trotz Zeitnot, einfach nicht gingen.

An jedem Bett war ein Knopf installiert, welcher das Pflegepersonal rufen konnte. Meine Oma, Rollstuhlfahrerin, ansonsten bewegungsunfähig, dafür nahezu blind und taub mit immerhin zu diesem Zeitpunkt glatt 100 Lebensjahren, musste nächtens auf das Klo. Was bei ihrer Körperfülle und den nicht trainierten Muskeln nur noch per "Sara", einer Art Kran für Körperbehinderte, möglich war.

Nachdem meine Oma ihre Körperfunktionen ansonsten recht gut im Griff hatte, wusste sie also durchaus, wann es demnächst Zeit sein würde, das Klo zu nutzen. Und nur seltenst am Abend und in der Nacht. Einmal hat sie uns dann auch erzählt, dass sie bewusst weniger trinkt, um vom Personal nicht wieder angefahren zu werden. Nun aber musste der Knopf gedrückt, Hilfe geholt werden. Die kam auch schon nach über einer Stunde. Bei der Oma war es zwischenzeitlich dringend. Sehr dringend. Gerade noch so auf das Klo gesetzt, die Oma war erleichtert. Und wartete auf ihre Abholung. Das Problem dabei: vom Klo aus war es ihr nicht möglich einen Knopf für das Personal zu sehen, geschweige denn, diesen zu erreichen. Die Folge war eine bis zum Morgengrauen auf dem Klo verbrachte Nacht. Sie wurde schlicht und einfach vergessen. Was für die einzelne Person tragisch ist, ist durchaus nachvollziehbar: in der Nacht gibt es eine Schwester für gut 30 - 40 Personen. Dass da Stress aufkommt und ein Individuum durchrutscht - es ist schlimm, aber fast verständlich. Geld für mehr Personal gibt es nicht. Und wieder einmal wird die Menschlichkeit gegen das Kalkül ausgespielt. Eine Meldung an die Heimleitung durften wir nicht machen, da die Oma ansonsten Repressalien erwartet hat. Auch die Nachbarin hatte zu dieser Zeit, wie sie uns in einem Gespräch mitgeteilt hat, Angst vor "Benachteiligung", um es einmal vorsichtig auszudrücken. Sie hatte drastischere Worte gefunden, für die wir allerdings nie einen Beweis sichern konnten.

Ein paar Monate später und nur wenige Wochen vor ihrem Tod kam kann einer der Schockanrufe, die niemand haben will. "Guten Morgen, Frau Heiminsassinentochter, ihre Frau Mutter ist seit heute Vormittag in ärztlicher Behandlung, der Notarzt, Dr. Sauschnellvorort, war im Haus. Könnten sie nachher mal nach ihrer Mutter schauen?" Was kein Problem darstellte, da meine Mutter zu dieser Zeit meine Oma einmal vormittags und einmal am Nachmittag besucht hat. Die Entfernung von unserem Haus zu ihrem Heim sind gute zwei Kilometer, also überschaubar.

Vor Ort dann der Schock. Es bot sich dieser Anblick, den wir nachmittags per Kamera festgehalten haben:



Längere Zeit schon war - auch auf Wunsch meiner Oma und aufgrund der nachlassenden Körperspannung - mit dem Personal abgesprochen, meiner Oma in jedem Fall und zu jeder Sekunde des Tages einen Gurt anzulegen, der sie vor den Herauskippen aus dem Rollstuhl bewahrt. Was in der ersten Zeit gut geklappt hat, wurde im Laufe der nächsten Wochen immer laxer gehandhabt. Bis eben an einem Morgen das passierte, was wohl unvermeidbar war. Nach dem sehr frühen Wecken war meine Oma aus dem Rollstuhl gekippt, der Spurenlage nach erst auf dem Bettrahmen aufgeschlagen (kleine Beule im Rahmen und Haaranhaftungen) und dann ungebremst auf dem Fußboden. Erzählt wurde uns vom Personal, dass Oma MIT dem Rollstuhl umgekippt sei. Trotz Gurt. Und dass jemand vom Personal den Schlag gehört und SOFORT reagiert hat. Die Oma konnte sich nur daran erinnern, dass sie gerade eben gegessen hatte und noch nicht fertig war. Was also bedeutet, dass es noch sehr früh am Morgen war.

Nicht gerechnet hat das Haus damit, dass der Sani vor Ort ein weiterer Verwandter ist, der dazu gerufen wurde. Vor Ort sah er eine Oma am Boden in einer Blutlache liegen, die - laut seiner Auskunft - auf eine Liegezeit von mindestens zwei bis drei Stunden aufgrund der Blutmenge schließen ließ. Der Rollstuhl stand im Eck, der Gurt geöffnet. an der Wand Spuren, die den Einschlag der Griffe wie Marker hinterließen. Was wiederum darauf schließen ließ, dass sie vornüber gekippt war, der Rollstuhl unter ihr mit Schwung nach hinten rauschte und an der Wand jäh gestoppt wurde. Uns wurde der Hinweis gegeben, uns doch das Stationsbuch zeigen zu lassen, die Einträge wären verräterisch. Und siehe da, das Buch wurde erst nach Tagen aufgefunden, die betreffende Seite fehlte komplett. Zu sehen waren Rissmarken. Auf einen sehr lauten Protest hin wurde uns dann angedroht, für das Büro ein Hausverbot zu bekommen. Eine Klage haben wir damals ernsthaft überlegt, jedoch kam es nicht mehr dazu.

Am 03.11. des gleichen Jahres, also nur zwei Wochen nach diesem Vorfall und einem mehr als rapiden geistigen Verfall in dieser Zeit, verstarb meine Oma. Eine weitere Behandlung hatte sie abgelehnt, ihr Wunsch nach einer Lebenszeit von 100 Jahren hatte sich erfüllt. Ob der Unfall in seiner Spätfolge mit zu ihrem Tod beigetragen hat, werden wir nie erfahren.

Momentan überlege ich, ob ich die auch mich immer wieder erschütternden Bilder meines Vaters veröffentlichen soll, aber ich denke, für mich ist die Zeit dazu noch nicht reif. Aber auch hier werde ich die Vorkommnisse irgendwann dokumentieren. Und auch die Hilflosigkeit, die erst dann offensichtlich wird, wenn man selbst in diese Situation kommt.

Kommentare

  1. Jetzt habe ich echt Sorge um meine Oma, für die ich derzeit ein Pflegeheim suchen muss, damit sie nächste Woche vom Krankenhaus ins Pflegeheim ziehen kann. Augenscheinlich machen alle einen guten Eindruck. Ich mag gar nicht daran denken...

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    1. Wir waren zuerst auch mit dem ersten Haus komplett zufrieden. Dann hat es dann leider angefangen, dass die Fluktuation beim Personal immens war (zumindest gefühlt) und kaum noch Zeit für den einzelnen Bewohner. Die Freundlichkeit war schnell gewichen, nur noch mürrische Gesichter. Schade. Auch hier: kein Vorwurf an das Personal, die haben getan, was im Rahmen der Vorgaben überhaupt möglich war.

      Mit etwas Glück haben wir dann ein Heim auf Empfehlung gefunden, welches mehr Personal als Bewohner hatte, privat hervorragend geführt wurde und auch noch viel näher an unserem Wohnort lag. Dort wurde mein Vater, der im ersten Heim von 112 auf ca. 58 kg abgemagert war, in kurzer Zeit wieder auf 65 kg "aufgefüttert". Leider ist er dann an einer Lungenentzündung gestorben. Wofür aber das Personal nichts kann, so etwas kommt bei hauptsächlich durch die Sonde erfolgende Ernährung vor. Knapp vier Monate ist das nun her, langsam realisiere ich den Verlust.

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  2. Also, wir haben uns ja seinerzeit schon über das Thema hier im Blog unterhalten und ich weiss jetzt, dass sich in den letzten Jahren nichts geändert hat. Mittlerweile ist auch mein Vater im Pflegeheim, da er es zuhause nicht mehr gepackt hat und aufgrund seiner Demenz ist er ein netter und pflegeleichter Zeitgenosse. Trotzdem bekommt er Beruhigungspillen, die ich auf der Apothekenrechnung sehe.
    Es verschwinden auch immer wieder Dinge, nicht der Rede wert, wie Kugelschreiber, Rätselhefte, Kekspackungen, aber eben aus der persönlichen Schublade. Merkwürdig.
    Kleiner, eigener Augenzeugenbericht zum Thema Flüssigkeitsaufnahme: Mein Vater trinkt viel, hat schon immer viel getrunken und wird sogar wegen seines Herzens trinkmengenbegrenzt. Alles ok. Am Sonntag kam der Pfleger ins Zimmer, schaffte es zwei Schritte bis zum Trinkprotokoll an der Schranktür, sah aus fünf Metern Entfernung, dass auf dem Tisch, an dem mein Vater saß, ein Glas und eine Mineralwasserflasche standen, trug etwas ein und ging wieder. Beim Nachschauen sah ich, dass er Datum, Uhrzeit und "100 ml" aufgeschrieben hat. Gutes Auge!

    Bei einer Sache bin ich etwas anderer Meinung. Die Bezahlung mag mies sein, der Stress groß, aber ich verlange vom Pflegepersonal grundlegende Dinge, wie persönliches Engagement, Wahrung der Menschenwürde, Ernstnehmen der Aufgabe, sprich, saubere Arbeit. Wenn sie's nur wegen dem Job machen und den dann schlecht wegen schlechter Randbedingungen, dann sind sie aus meiner Sicht im falschen Film. Schließlich vertraue ich ihnen meinen hilflosen Vater an und nicht irgendein Möbelstück.
    Schlimm wird's besonders, wie im Falle Deiner Oma, wenn man als Heiminsasse Repressalien befürchten muss, wenn man die Dinge einfordert, die einem zustehen. Da tun sich ja richtig Niederungen der Menschheit auf.

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  3. Dann sprich doch mal - wenn genug Vertrauen besteht - mit dem Heimpersonal. Du wirst sehen, dass auch diese gewissen Repressalien unterliegen. Da herrscht teils nackte Angst. Und viele sind bereit, lieber heute als morgen zu wechseln. Ich habe erlebt, dass eine Frau es akzeptiert hat, mehr Kilometer für weniger Netto in Kauf zu nehmen. Und doch kam sie wieder zurück, weil das neue Heim nach kurzer Zeit noch schlimmer war. Bei einem Heim habe ich mich in einer Rauchpause einach dazu gestellt und gefragt. Direkt und ohne Umwege. Erschütternd war, die direkt mir von diesem Heim abgeraten wurde. Leider unterscheiden sich viele Heime nicht mehr im Führungsstil, sodass dem Personal wenig Möglichkeit bleibt, zu wechseln. Ich bin eher der Ansicht, dass diese Menschen den Job TROTZ der miesen Rahmenbedingungen machen.

    Wir haben lange Zeit nach einem Ersatzheim für meinen Vater gesucht. Leider neigt der Mensch dazu, nach Hörensagen zu empfehlen, anstatt sich auf den Weg zu machen und die Heime selbst anzuschauen. Ich fand es immer sehr aufschlussreich, kurz vor dem Mittagessen dort aufzutauchen und zu sehen, wie sehr das Personal im Stress ist. Was man da manchmal erlebt hat - obwohl ich als fremde Person anwesend war.

    Was die Sache mit dem Verschwinden von Dingen angeht... Gerade auf einer behütenden Dementenstation ist es niemals sicher, wer die Dinge entwendet/ausleiht. OK, alles, aber auch wirklich das kleinste Teil war gekennzeichnet, wie es die Heimleitung gewünscht hat. Verschwunden sind eine Jacke im Wert von gut 300 Euro (kam nicht mehr aus der Reinigung im Hauszurück....), eine Mohairdecke nach nur einer Woche, eine nagelneue Brille und seine geliebte Funkuhr. Einfach weg. Und gerade die Uhr, obwohl diese nur ein Centartikel war, hat meinen Vater tagelang nicht zur Ruhe kommen lassen. Was war das für eine Arbeit, das gleiche Modell wieder zu bekommen.

    Schlimm wurde es am Ende bei meiner Oma im Heim, da auf den einzelnen Stationen keine Flaschen mehr ausgegeben wurden. Oder eben nur sehr, sehr widerwillig. Jeder Bewohner hat eine Flasche bekommen, die er selbst(!) an einem Wasserspender auf dem Flur füllen musste. Warm oder kalt, mit oder ohne Sprudel. Soweit, so gut. Abgesehen davon, dass diese Flaschen teils in einem erbärmlich verdreckten Zustand waren (bei den Bewohnern, die keinen regelmäßigen Besuch hatten), bringe doch einer 100jährigen Frau, die nicht einmal einen Taschenrechner bedienen, geschweige denn sehen kann, bei, so ein Gerät zu bedienen. Das ist gut gemeint, aber schlecht umgesetzt. Und wie soll da das Trinkpensum überwacht werden?

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  4. Mein Vater (93) ist gestern abend aus dem Rollstuhl auf die Knie gefallen und zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht worden. Er kam auch gestern zurück, aber niemand hat mir das mitgeteilt. Heute morgen habe ich im Heim angerufen, um zu fragen, wo mein Vater steckt. Am Nachmittag war ich bei ihm, aber er hat so fest geschlafen, dass ich ihn nicht wecken wollte. Ich habe dann zwei Stunden gewartet, aber er schlief weiter. Wenn ich ihn wach gemacht hätte, würde er mich nicht erkennen. Also bin ich gegangen. Trotzdem sah er im Bett so klein und hutzelig aus. Ich mache mir doch Sorgen.

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    1. Ich hätte da Angt gehabt, dass er einen Apople erlitten hat und nicht einfach nur schläft. Leider geht das so schnell unter. Auch wir wurden einmal erst am nächsten Tage darüber informiert, dass mein Vater am Vortag, kurz nach einem Besuch, in das Krankenhaus eingeliefert wurde. Er fiel einfach um, im LKH waren dann drei Liter Flüssigkeitsgabge iV notwendig.

      Wir haben als erstes den Tipp von einer Bekannten bekommen, uns regelmäßig die Tablettengaben ausdrucken zu lassen. In Zusammenarbeit mit seinem bisherigen Hausarzt wurden dann ein paar Tabletten abgesetzt und umgestellt. Und siehe da, es waren wieder wache Momente da.

      Das klein und hutzelig aussehen - das kenne ich. Innerhalb von einer Woche sah mein Vater aus wie eine Leiche in Totenstarre. Ich bin hart im Nehmen, stecke Einiges weg. Aber das war für mich zu viel. Nächtelang hat mich dieser Anblick verfolgt. Als es ihm dann wieder besser ging - wider Erwarten - konnte er einen einzigen Satz flüstern, der mich bis heute verfolgt. Es waren eigentlich nur zwei Worte. Und ein Blick aus seinen toten Augen genau in meine. Und ich war so hilflos...

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  5. Schlimm, ganz schlimm und Angst machend, weil fast jeder mal alt und hilflos und ausgeliefert sein wird. Aber was kann man tun? Grad bei Demenz u.Ä. gibt es kaum Alternativen zum Heim.

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    1. Die Alternative ist, den pflegebedürftigen Mensch zu Hause zu pflegen. Und dabei innerhalb eines Jahres sowohl psychisch als auch physisch an die Grenzen zu gelangen. Wir haben es versucht und mussten dabei feststellen, dass in der gewohnten Umgebung der demente Mensch ein wahres Genie wird, wenn es darum geht, Reste der Freiheit zu erlangen. Dabei ist dieses Verhalten gepaart mit Aggressionen, welche sich mit weinerlichen Momenten im Minutentakt abwechseln. Terror gegen die eigene Familie wird ebenso an der Tagesordnung sein wie Sorgen um den Kranken. Spätestens dann, wenn er mal wieder nackt im Garten steht, weil tagsüber vor Erschöpfung die Augen zugefallen sind und die Chance genutzt wurde.

      Oder wenn zum 15. Mal am Tag die Dusche angestellt wird, mal mit, mal ohne Kleidung. Oder wenn der Vater in 30 Minuten 37 Mal die Treppe herauf kommt um zu fragen, wann man ihn zum Kaffeetreff in die Stadt fährt. Da aber schon war. Die 37 Mal habe ich mit einer Strichliste ermittelt.

      Und ganz schlimm wird es, wenn die Aggressionen durch die Enthemmung komplett durchschlagen. Wenn man seinem Vater gegenübersteht und versucht, die Mutter zu schützen, weil der die Box-Grundhaltung eingenommen hat. Er würde ohne jede Hemmung durchziehen, während man Skrupel hat, den eigenen Vater nieder zu ringen.

      Pflege zu Hause? Niemals.

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  6. Und das ist nur die Spitze des Eisberges bzw. des Systems.
    Es sollten viel mehr Menschen den Mut haben -ohne vorgehaltene Hand-
    darüber zu sprechen.


    Danke für diese offenen Worte.

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    1. Viele Menschen sprechen darüber. Vergessen aber nach dem Ableben des Bewohners, wie schlimm das wirklich war. Zudem sind den Angehörigen die Hände extrem gebunden. Sei es durch die gesetzlichen Bestimmungen, die Vormundschaft, welche den Namen auch bei der Betreuung des eigenen Angehörigen nicht im Ansatz verdient oder durch einen extrem missgünstigen und bösartig gesinnten Menschen in der Stelle für Betreuungsfragen.

      Ich dachte nie, dass ich auch so denken würde - aber der Tod meines Vaters war nicht nur für ihn eine Erlösung aus einem Zustand, den er niemals so haben wollte, Auch uns ist ein sehr schwerer Stein vom Herzen gefallen. Vielleicht klingt das hart. Aber wenn man über 40 Jahre mit einem Menschen immer in einem Haus gelebt hat, ihn agil, selbstbestimmt und frei in der Entscheidung kennengelernt hat, dann leidet man fast so sehr, wie der kranke Mensch. Nur, dass die Demenz irgendwann sein seelisches Leid verblassen lässt, während das der Angehörigen steigt. Umgekehrt ist es beim physischen Zustand.

      Die Aufarbeitung beginnt bei mir erst jetzt, knapp vier Monate nach dem Tod meines Vaters. Langsam löst sich die Spannung, das Geschehene wird real, ist nicht mehr wie durch einen Nebel wahrgenommen. Vom bloßen Funktionieren geht es zurück in das eigene Leben. Demenz raubt Leben, nicht nur die der eigentlich erkrankten Person.

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  7. Meine Güte, sieht die arme Oma schlimm aus, so etwas habe ich noch nie gesehen...

    Das ist so schrecklich, unter welchen Bedingungen in den Heimen teilweise gearbeitet werden muss. Dass dann Fehler passieren, die eigentlich niemals passieren dürfen ist nur menschlich. Und auch unter anderen Bedingungen: Jeder, absolut jeder macht mal einen Fehler. Dafür sind wir Menschen und keine Maschinen. Wenn die Kassiererin bei A*ldi ein Teil nicht einbongt, dann ist ein materieller kleiner Schaden entstanden. Wenn jemand im Pflegedienst oder ein Arzt einen Fehler macht, dann kommt ein Mensch zu Schaden.

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