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Alles Pussys heute oder: WIR waren Helden

Ich habe gebrannt. Ich wurde gesprengt. Ich hatte Stichwunden. Ich habe mein Essen gesammelt. Ich hatte ein Unterlippen-Schutzblechpiercing. Ich bin fast erstickt. Und dann wurde ich erwachsen. Das langweilige Leben begann.

Gleich mal vorweg: alles, was ich hier beschreibe ist lange Zeit her, die Verjährung hat die Sünden getilgt. Na, zumindest das, was heute als Unmöglichkeit angesehen wird und früher eine normale Kindheit war.

Was macht ein 12jähriger, der Hunger hat? Richtig - er geht auf das abgeerntete Kartoffelfeld und sucht Knollen. Roh schmecken die nicht, in der Pfanne kann jeder. Das war damals schon unmännlich. Und wir waren gleichberechtigt by nature. Von wegen, die Mädels wurden verschont. Wer keine Kartoffel hatte, der hat auch nichts zum Essen bekommen. Fehlt nur Feuer. Auch kein Problem, Kumpel Konditorman hatte ein Metallfeuerzeug, welches gut und gerne eine Flamme von einem halben Meter erzeugte. CE-Prüfzeichen oder andere Kindersicherungen? Nicht doch. Und falls das wirklich mal vorkommen sollte - wir wussten ja, wie man mit Werkzeug umgeht. Wenn ich nur an die selbstgebastelten Flammenwerfer denke. Dabei möchte ich gleich mal eine Warnung aussprechen: Feuerzeug + Sprühpflaster = Dämpfe. Und zwar solche, die einen umhauen. Kein Scherz, da liegst Du da und die Lichter gehen aus. Richtig aggressiv, das Zeug. Überlebt? Selbstverständlich. Will gar nicht wissen, wie die Lunge da innen aussieht.

Gut, wir hatten nun also Kartoffeln. Der Grill war ein alter Rost, der von sonstwoher stammte. Hat es jemanden auch nur im Ansatz interessiert? Bakterien waren unsere Haustiere. Die gesammelten Steine waren unser Grillständer. Holz, wir brauchen Holz. Frei nach O. Kahn, dem begnadeten Philosophen. Woher nehmen, wenn nicht sammeln wollen? Oder anders herum: warum sammeln, wenn man einen ganzen Baum fällen kann? Eben... Na, früher war das alles einfacher. Butterflymesser? Immer am Mann, immer scharf. Und wir konnten damit Kunststücke machen, dass einem schwindelig wurde. OK; der Preis dafür waren viele, viele - wirklich viele - kleine Schnittwunden an so ziemlich jedem Finger. Manchmal auch gleichzeitig. Der Baum, den wir uns herausgesucht hatte, der war natürlich keine Eiche, irgend so ein kleiner Blätterbaum. Eberesche, weiß ich heute. Zwei Tage lang haben wir gesägt, geschnitten und gehauen. Bis er dann endlich fiel. Dumm, wirklich dumm, dass oberhalb der Baumkrone der Weg zu unserem Haus verlief. Und so ein Loch im Blätterdach fiel schon ordentlich auf. Tja, der Verdächtige war gleich ausgemacht. Und der Kumpel Konditor gleich mit dazu.

Gut. Kartoffeln, Feuer, Holz, Rost. Alles da. Die Mädels haben Salz und Pfeffer organisiert. Konnte losgehen. Wichtige Lektion dieser Tage: frisches Holz brennt nicht. Oder nur mit Beschleuniger. Ja, meine Eltern haben sich in diesen Zeiten öfter gewundert, wie viel Sprit so ein Rasenmäher verbraucht. Aber, wir hatten Hunger und immer nur einen Halbliterbecher Drei-Sorten-Eis für 99 Pfennige vom Blenk (kennt den noch jemand?) waren im Herbst auch nicht der Reißer. Also haben wir den Baum zur Feuerstelle (unter einem anderen Baum) geschleppt, ein Feuer mit dann doch gesammelten Holzresten entzündet und den frischen Baum über Tage immer wieder ein kleines Stück nachgeschoben. Wir hatten also eine besondere Mischung an Kartoffelwürze. Sprit-Salz-Pfeffer-Grüner Baum. Lecker war anders, aber wir waren stolz. Wie unsere Mütter den Geruch wieder aus unseren Klamotten bekommen haben, das ist mir bis heute schleierhaft. Aber damals ist schon der kleine Hobbykoch in mir zutage getreten. Was wir nicht alles verschürt und gebraten haben.

Apropo verschürt. 1980 sind wir in das neue Haus (mittlerweile wohne ich woanders) eingezogen. Als Erster fiel mir Kumpel Konditor auf. Kleiner Pyromane der. Genau meine Kragenweite. Damals war es noch modern, die Zimmerdecken mit Kassetten abzuhängen, feine, dunkle, den Raum drückende Holzplanken. Und um die zu verbinden, hat es Federn gebraucht, die in die Nut geschoben wurden. Federn sind Echtholzlatten, ca. 5 mm dick, ca. 2,5 cm Breit. Und das Zeug hat dank des Lackes gebrannt wie Zunder. Und auch ebenso gut gequalmt. Habe ich schon meine Lunge erwähnt? Egal. Vor unserem Treffpunkt, dem Trafohäuschen, gab es einen kleinen Baum, darunter ein während der Bauzeit aufgeschütteter Erdwall. Darunter waren die Versorgungsleitungen für die neuen Häuser verlegt. Und weil es eine Art Lehm war, haben wir kleine Erdfeuerstellen gebaut. Ein Loch in der Horizontalen gebohrt, eines als Abzug von oben. Sinn? Keiner. Spaß? Maximal. Lerneffekt? Natürlich, ich kann Lehmöfen bauen ohne Anleitung. Eines Tages schüren wir da mal wieder vor uns hin, die Öfen hatten mittlerweile mehrere Züge und waren durch die dauernde Befeuerung schön hart. Was haben wir geguckt, als plötzlich ein kompletter Löschzug der Feuerwehr auf uns zu kam. Wir waren in einer Sackgasse, die konnten nur zu uns wollen. Dachten wir. Und haben in wilder Panik unsere in wochenlanger Arbeit perfektionieren Erdöfen mit Verbindung untereinander zerstört. Hätten wir uns sparen können, denn direkt hinter uns, in ca. 200 Metern Luftlinie, waren andere, wir nannten die nur "die von da oben" weniger umsichtig. Die hatten ein Stückchen Wald mit der treffenden Bezeichnung "Feuerberg" angezündet. Unsere Öfen waren dahin, aber wir durften erstmals eine Feuerwehr im Frontalangriff sehen. War ja auch was. Über die nächsten Jahre hin haben wir immer mal wieder einen Ofen gebaut, immer dann, wenn jemand von uns Holz übrig hatte. 1983, unser erster Familienurlaub stand an, waren wir dann doch recht überrascht, als uns die Nachbarn nach der Rückkehr mitteilten, dass genau an der Stelle, an der unsere Öfen standen, ein nun repariertes Gasleck in der Stadtversorgung war. Ab diesem Zeitpunkt war die Stelle für Feuer gestorben. Wir waren jung, aber nicht lebensmüde. Ich würde sogar sagen, dass wir die Gefahren immer gut abgeschätzt haben. Mit kleinen Verlusten.

Ein kleiner Verlust war in Form von Blut zu vermelden. Ich bin mir sicher, dass wir alle zusammen über die Jahre in Form von Kratzer, Stichen, Wunden etc. mehrere Liter Blut im Freien verteilt haben. Ich dürfe da vorne ganz mit dabei sein. Den extremsten Verlust hatte ich in 1984 oder 1985. Ein Tässchen voll habe ich wohl eingebüßt, wie mir die Spuren nach Hause und an der dann von mir zwangsgestrichenen weißen Wand gezeigt haben. An Feuerwerkskörper; auch in rauen Mengen, zu kommen war für mich nie ein Problem. Was also bedeutet: ab dem 14 Lebensjahr vergingen nur wenige Monate im Jahr, an denen von uns nicht gebastelt, gesprengt oder illuminiert wurde. Angefangen hat das mit selbstgebauten Sprühern, die aus Kapseln aus Überraschungseiern, abgebröselten Wunderkerzen und etwas Klebeband bestanden haben. Kurz darauf wurden "Pull Moll"-Dosen benutzt. Dann die großen Dosen, in denen damals das Obst herangekarrt wurde. Gegipfelt hat das dann in einer Dose, die mit 2.000 in wochenlanger Arbeit abgeknibbelten Wunderkerzen gefüllt war. Die Drähte als Verstärkung außenherum, dazu Alufolie und Klebeband in Großmengen. Leider habe ich das nicht gesehen, der Erzählung nach muss aber der Funkenflug um die 20 Meter hoch gewesen sein und eine Geräuschkulisse entwickelt haben, die einem Jet ebenbürtig war. Aus Selbstschutzgründen war das auch die letzte selbst gebaute Sache dieser Art. Als wir dann volljährig wurden, war das sowieso uninteressant. Keine Rucksäcke mehr, die mit pyrotechnischem Inhalt uns um die Ohren folgen (Grüße an Tim an dieser Stelle ;-). Wir hatten ja dann Autos zum basteln.

Ach, warum ich an Silvester ins Krankenhaus musste? Dummheit, Pech und Glück gleichzeitig. Die Knaller mit Reibefläche waren immer recht schlecht von der Brenndauer des Zünders einzuschätzen. Deshalb auch nicht sehr beliebt bei uns. Aber, weg muss das Zeug trotzdem, das gebietet schon alleine die pyromanische Ader. Irgendwann einmal habe ich "Römische Lichter" entdeckt. Feste Pappröhren, aus denen Leuchtkugeln geschossen kamen. 10 Stück an der Zahl, gefahrlos in der Hand zu halten. Wer auf die Idee kam, diese Röhren zu recyclen und weiter zu verwenden? Keine Ahnung. Die Grenzen waren bei uns schleichend, eine Idee gab die andere. Irgendwann wurde das Widerlager am Boden der Röhre entfernt, so war ein Durchgang geschaffen. Ersatzweise dann eben ein Rohr entstanden. Eines, in welches so ein Reibezünder genau passte. Also, hinein damit, einen Überstand geschaffen, mit der Reibfläche gezündet und weggeworfen. Ergebnis: eine Art kleine Stalinorgel. Hmmm.... Die Röhre? Unbeschädigt. Der Reibeknallkörper? Wie eine Rakete heraus geschossen, da der Druck nicht zur Seite entweichen konnte. Tataaaa...! Ab da hatten wir eine lustige Abschussrampe, mit der wir auf Ziele schießen konnten. Eben uns. Bis just an Silvester einer dieser Reibekanonenschläge von mir ein paar Millimeter zu weit hinein geschoben wurde. Ich war nicht sicher, ob der Zünder glühen würde. Weggeworfen, kein Risiko eingehen. Nichts. Problem: die Hülse war nun verstopft. Ein Primate aus meiner Nebenlinie würde wohl ein Stöckchen nehmen und das Ding herausschieben. Wir sind ja evolutioniert. Was nicht heißt, dass wir uns nicht trotzdem aus der Nahrungskette entfernen können. Also? Was tun? Raussprengen! Eine andere Möglichkeit? Mir doch egal. Also auf der anderen Seite noch einen zweiten Sprenkörper eingeschoben, gezündet, weggeworfen. Bumm. Jawoll, so soll es sein. Der Affe hätte wohl erst einmal geschaut, was noch passiert, der Mensch schaut auch - aber in die Röhre. Natürlich erst nach einer langen Wartezeit, denn die Erfahrung hat ihn gelehrt: Feuer böse ist!

Leider war die Wartezeit nicht lange genug, denn durch den Boden - nicht durch die Reibefläche - hat sich die Glut des zweiten Knallkörpers gefressen. Und genau in dem Augenblick, als ich in die Röhre schaue, zündet der. Gepresste, fest verklebte Pappe mit dem Startvermögen eines kleinen Geschosses. Getroffen wurde ich an der Braue, herausgestanzt hat es ein Stück Haut mit viel Fleisch im Durchmesser von einem Euro in etwa. Dabei hatte ich noch Glück. Hätte ich ein paar Millimeter weiter gedreht oder ein paar Millisekunden eher die Röhre erhoben, mein rechtes Auge wäre nun wohl aus Glas. So kam es "nur" zu einem recht ansehnlichen Blutverlust und einer Narbe, die halbmondig in meiner rechten Braue klafft. Nur zu sehen, wenn ich die Brauen zusammenziehe oder für Frauen, die mir nahe genug kommen dürfen.

Heute lache ich darüber, denn durch den Schock hatte ich nicht eine Sekunde lang Schmerzen oder Angst. Prima Einrichtung vom Körper, danke dafür. Lachen darüber? Klar. Ich bin nämlich losgerannt und habe NICHTS mehr gesehen. Ich dachte, ich wäre nun für immer blind. Weiß ichs? Eben nicht! Bis meine Schwester meinte, ich solle gefälligst die Augen aufmachen. Ah, da war die Sicht wieder. Kleine Ursache, große Wirkung. Komisch war nur, dass es im Gesicht und an den Händen so warm war. Und klebrig-flüssig. Na, was machen? Eben, nach Hause, sind ja nur gut 200 m Strecke. Auf diesem Weg habe ich deutliche Spuren gelegt, die noch Wochen später für jeden halbtoten Schweißhund als Spur geeignet gewesen wäre. Meine Schwester war aber schneller, die hatte auch keine weichen Knie und konnte rennen. Nach Hause, geklingelt - und mir die Tür vor der Nase zugeworfen. ??? Ich will doch auch rein. Also klingeln. Die Mutter, mittlerweile von der Schwester vorgewarnt und mit dem Glauben an eine kleine Wunde, öffnet die Tür. So schnell habe ich nachher nie wieder einen Menschen bleich werden sehen. Und mit jedem Wort, das ich ihr sagte, verwandelte sich die Wand in ein gesprenkeltes Etwas. Relativ sauberes weiß mit lauter roten Pünktchen. Mir hat die Farbgebung gut gefallen, daran kann ich mich noch erinnern. Ich dachte da an die Himbeertorte, die meine Tante immer gebacken hat. Irrational, aber ist so.

Nachdem sich die Mutter wieder gefasst hatte, hat sie meinen Vater gerufen. "Ehemann!... EHEMANN...!" Der wurde aber schon von meiner Schwester traktiert, indem sie dem Schlafenden immer wieder mit dem Kopf in den Bauch gerammt und gerufen hat, dass ich wohl am Verbluten sei. Stark übertrieben, wie es sich zeigte. Mein Vater hatte zu dieser Zeit eine Sitte, die ihn an Silvester nach dem halben Arbeitstag zu seinem Stammtisch trieb. Was die da gemacht haben, ich weiß es nicht, ich vermute noch heute, die Brauerei wollte keine Inventur machen, da haben die die kurzerhand leer gesoffen. Vielleicht war es auch die Aussicht auf das vierhundertste sterbenslangweilige Fondue mit der Familie. Dazu gibt es auch eine Geschichte, die uns fast mit Abgasvergiftung in das Krankenhaus brachte. Was dem Starrsinn meiner Mutter geschuldet war. Na, der arme Mann hat da wohl etwas unglücklich vor dem Fernseher gelegen, jedenfalls waren ihm beide Beine eingeschlafen. Was in Verbindung mit einer sehr offensichtlichen Alkoholintoxikation keine wirklich glückliche ist. Ich sehe es heute noch vor mir, wie meine Schwester ihn sogar beim Aufstehen noch rammt und er zu Boden geht. Die Augen - noch heute muss ich grinsen, wenn ich daran denke. Aus dem Schlaf gerissen, attackiert von der Tochter, angeschrien von der Frau und im Flur stand ein blutendes Häufchen Elend. Die ersten zwei Meter hatte er geschafft, als er schon zu Boden ging. Wieder aufgerappelt, wieder zwei Meter. Drei Mal musste er aufstehen, bis die eingeschlafenen Beine ihm wieder gehorchten. Ein Bild für Götter. Mit einem leicht verwirrten Gesichtsausdruck hat er mich dann in das Gästeklo bugsiert, mir ein gut gebrauchtes Handtuch auf die Wunde gedrückt (was man nicht sieht kann einen auch nicht umbringen...) und ist wieder schlafen gegangen. Vernünftiger Mann. Nach kurzer Zeit habe ich dann das Handtuch gelupft, in den Spiegel geschaut. Ein bisschen war von Schädelknochen zu sehen. Fand ich interessant, keineswegs ekelig oder so. Und der Fleischlappen ging gut wieder einpassen. Für mich wäre das Thema da erledigt gewesen. Zumal wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt eh kein Blut mehr da gewesen wäre, das bis nach oben hätte gepumpt werden können. Ein Pflaster hätte mir ausgereicht. Wäre da nicht das Problem Mutter gewesen. Die Schwester wurde der Oma in die Hand gedrückt, der Vater auf- und ausgerichtet, ich mit einem Handtuch wenig fotogen umwickelt und schon ging es ins Krankenhaus. Rekord: der erste und gleichzeitig Jüngste in diesem Jahr. Meine Mutter war ganz clever, hat gesagt, dass ich auf Splitt ausgerutscht und mit der Stirn aufgeschlagen wäre. Klasse Idee, denn um die Wunde war eine Woche später noch der Rückstand des Pulvers zu sehen. Und da Ärzte und Krankenschwestern eher nicht zu den Dummen unter uns gehören, haben die eben einfach mal zugestimmt und sich ihren Teil genannt. Wie der Zufall so will, wurde die Stationsschwester später unsere Nachbarin und hat meiner Mutter erzählt, dass man sehr gut erkannt hätte, wo die Ursache läge. Ärger gab es so weiter keinen, außer, dass ich den Hauseingang streichen musste. Drei mal, bis das Blut endlich überdeckt war. Zähes Zeug.

Ach ja, als wir vom Krankenhaus wieder nach Hause fuhren und in unsere Straße einbogen, stand da schon wieder Kumpel Konditor und hat einen der selbstgebauten Sprüher entzündet. Ich durfte leider nicht aussteigen und mitmachen.

Geblutet haben auch mal die Füße. Wer auch immer auf die Idee kam, wir haben uns gegenüber auf einem Sandboden aufgestellt und die Füße mit unseren Fahrtenmessern möglichst knapp beworfen. Ging gut, bis eines Tages der Kumpel "Dr. der Chemie" ein wenig ins Wackeln geriet. Zu Hause durfte ich dann erklären, warum die fast neuen Schuhe einen Schnitt aufwiesen, der Strumpf blutverschmiert war. Keine Ahnung, was ich erzählt habe, aber glaubhaft war es wohl nicht, da meine Mutter wieder mal ihren "Hauptsache, er hat es überlebt"-Blick aufgesetzt hatte. Wie oft musste ich den ertragen.

Auch, als ich die Fetzen, die mal meine Jacke waren, heimlich in den Schrank gehängt hatte. Logisch, ich konnte den Brandgeruch ja nicht wahrnehmen, stand schließlich in Flammen. Meine Mutter musste nur der Nase nachgehen und den Schrank öffnen. Da hingen anstatt meiner ersten Jeansjacke nur noch zwei Ärmel, ein Stück vom Rücken und der Halsteil. Das Donnerwetter war fantastisch. Hätte ich ihr gesagt, dass ich anstatt zu nahe am Lagerfeuer zu sitzen, ein Opfer des ersten Flammwerfer-Versuches geworden war, sie hätte mich wohl einliefern lassen. Aber zumindest hätte es ihr erklärt, warum der Duschgel-Verbrauch zu dieser Zeit exorbitant in die Höhe schoss. Duschgel in den Ausguss, Verpackung fein ausgewaschen, mit Benzin gefüllt. Dann braucht es nur noch einen leichten Druck und ein Feuerzeug. Jaja, ich bin nicht stolz darauf, aber damals war das lustig. Einmal hat sich der Kumpel Konditor in einer Pfütze gewälzt, was wohl besser war, als kläglich zu verbrennen. Dummerweise war der Kopf seines Duschgels abgegangen und hat nicht nur das trockene Blattwerk der Eiche über uns entzündet, sondern auch seinen Ärmel. Auch hier wieder: Glück gehabt. Das Blattwerk war schon so wenig, dass nur ein paar Blätter verschmurgelt waren. Und der Ärmel des schönen Nickipullovers.

Ungefähr um diese Zeit herum kamen die BMX-Bikes in Mode. Ich, der ich nicht mal ein paar Adidas-Schuhe bekam, sollte an sowas gar nicht erst denken. Schließlich war ich der stolze Besitzer eines popelgrünen Fahrrades aus dem Supermarkt im Wert von 79 D-Mark. Dass das Fahrrad grottenschlecht war und ganz offensichtlich aus gebrauchten Teilen bestand, hat keinen interessiert. Also war an ein modernes Sportfahrrad nicht zu denken. Was tun, wenn vor der Tür ein 24"-Jugendfahrrad steht? Schrauben. Aber nicht an, sondern ab. Lichtanlage ist für alte Leute, die nichts mehr sehen. Reflektoren? Unmännlich, weg damit. Und natürlich musste der mattschwarze Lack aus der Dose vom Gewicht her auch egalisiert werden, wofür die Schutzbleche zum Opfer wurden.

Ist ja nicht so gewesen, dass wir nicht in jedem Teil auch ein Stück neues Spielzeug entdeckten. Sehr beliebt waren in diesen Tage die "Schutzblechkämpfe". Was man sich darunter vorstellen soll? Ganz einfach: Mann gegen Mann, jeder ein Fahrradschutzblech in der Hand. Und dann werden die ganz sinnbefreit aneinander geschlagen. Möglichst vorne, denn da fliegen nach einer gewissen Zeit und je nach Güte des Metalls die Teile weg. Und wer aufhören muss, der hat eben verloren. Dumm ist das allerdings, wenn die Teile in Richtung Gesicht driften. Und dann die Unterlippe treffen, perforieren, das Zahnfleisch ankratzen und - in der Lippe hängen bleiben. Rein ging schnell, raus ist eher schmerzhaft. Kann ich mich für verbürgen.

Bleibt nur noch die Atemnot. Nicht die einfache nach der Inhalation von verbranntem Sprühpflastern. Nein, die nach der Einwirkung äußerer Einflüsse. Dazu braucht es recht wenig. Nur ein paar präpubertierende Jungs, eine Kinderseilbahn und den Wettbewerbsgedanken. Ja, wir waren die jüngsten Graurücken ever. Fast schon Männer! Wer kennt sie nicht, diese Hängebahnen auf den Kinderspielplätzen (gell, Lady Croocks ;-). Wir hatten so eine an unserem Abenteuerspielplatz. Vielleicht so um die dreißig Meter lang, auf der einen Seite gute drei Meter hoch. Unten: harter Boden und etwas Rindenmulch. Heute würden Eltern aufheulen und der Bauabnehmer tot umfallen. Wir fanden es einfach gut. Natürlich langt das einfache fahren irgendwann nicht mehr. Da muss der Kick rein. In unserem Fall eben erst durch Anlauf, dann durch das springen mit Anlauf auf die Bahn. Dazu muss die ein Stück vom Hochstand weg gehalten werden. Hat gut geklappt, bis an dem Tag, an dem es geregnet hat. Anlauf, Sprung, gependelt, gleich gelandet. Auf dem Rücken. Schmerz. Starker Schmerz. Schlimmer aber: keine Luft. Da war nichts mit Atmung. Wie lange das so ging? Keine Ahnung, gefühlte drei Stunden. Waren aber wohl sicher nur ein bis zwei Minuten, denn es wurde mir nur schwarz vor Augen, aber bewusstlos wurde ich nicht. Schade, ab diesem Tag war dieses Spiel nun auch uninteressant geworden, wir hatten ja nun ein Opfer. Weiter zum nächsten Spiel. Und wenn die mal verjährt sind, dann schreibe ich auch darüber ;-)

Kommentare

  1. Mann Mann Mann. Wild und verwegen. Nur so lernste was fürs Leben.
    (Nicht ganz so dramatisch - bin ja ein Mädchen - aber genau so wild ging es bei mir auch zu. Aufm Dorf war viel möglich. Bei uns brannten sommers immer irgendwo die Strohdiemen auf den Feldern.)

    Grüße! N.

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  2. Nelja, genau so, nicht anders! Wir waren am Stadtrand zuhause, am Übergang zu den Feldern. Und wir haben immer Krieg gegen "die von da oben" geführt. Das waren die, die uns als Bonzen (einfachste Reihenhäuser!) bezeichnet haben. "die von da oben" waren Bewohner der Brennpunkt-Blocks. Auf den Feldern kam es dann nach jedem Regen zum Showdown. Einen Stoppelbündel aus dem Boden gezogen, den Lehmklumpen unten dran schnell zusammengepresst und als Wurfgeschoss benutzt. Frage nicht...

    Gruß
    Holger

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  3. Einen Bruchteil von deinen Erlbenissen und mindestens so viel Vertrauen, wie es deine Eltern anscheinend hatten, würde ich den Kindern von heute wünschen!
    Du Draufgänger!

    Gruß vom Frollein

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    1. Frollein, und das ist ja sogar auch nur ein Bruchteil unserer Erlebnisse. ;-) Ich glaube kaum, dass meine Eltern bis heute wissen, was wir so alles angestellt haben. Geahnt? Vielleicht. Aber sonst haben wir alle dicht gehalten. Draufgänger? Na, zum Glück nicht im eigentlichen Sinne.

      Grüße zurück vom Erlebnisopa ;-)

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  4. Herrlich Löffel! Ich könnte stundenlang weiter lesen. Willste nicht doch mal ein Buch schreiben?
    Ich war eher brav. Okay, fast ;-). Meine Schwester hatte da schon tollere Ideen. Als sie dem Nachbarsjungen ein Kaugummi geschenkt hat zum Beispiel. Sie und ihre Freundin mochten den nicht, also wurde das Kaugummi (so ein gelbes rundes aus dem Automaten, innen hohl) präpariert: Durchgeschnitten, kleinen, selbstgesammelten Giftpilz rein, mit U*hu zugeklebt, mit gelbem Filzstift die Kante übermalt. Abends kam der Notarzt zu den Nachbarn... Ich glaub, meine Mutter weiß das bis heute nicht...

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  5. Danke! Buch? Du zuerst. Aber wen sollte es interessieren, dass es in grauer Vorzeit mal brennende Konditoren und blutende Kaufleute gab? Siehste... Ne, da hab´ ich so gar keine Intention.

    Sag mal - Deine Schwester ist aber auch eisenbereift, oder? Die Idee ist aber nicht schlecht. Fast der perfekte Mord, denn die Spuren werden ja komplett vernichtet. *aufschreibt*

    Und mal ehrlich - wollen denn Eltern alles wissen? ;-)

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  6. JA! *Aufstampf* Ich will ALLES wissen von den Kindern 1 bis 3. ALLES! ;-) Bin mir aber ziemlich sicher, dass das Wunschdenken bleibt. :-(
    Meine Mutter sicher auch, weiß sie aber nicht und das ist auch gut so... ;-)

    Ich hab irgendwo noch nen Text zu dem Thema, den such ich jetzt. Kannst nachher bei mir lesen wenn ich ihn finden sollte.

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