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Der letzte Apfel

Bei uns läuft fast täglich ein altes Paar am Haus vorbei. Er redet dabei leise mit ihr, führt sie an der Hand. Ein für mich rührendes Bild von Glück im Alter. Vor ein paar Wochen haben wir erfahren, dass sie wohl krank ist, sehr schlecht sieht und den Beginn einer Demenz zeigt. Beide sind Anfang 80, haben kurz nach dem Krieg geheiratet. Ob sie Kinder haben ist nicht bekannt, aber sie leben in einer kleinen Wohnung in unserer Nähe und versorgen sich selbst.

Heute am Nachmittag war es wieder mal soweit. Ich stand am offenen Esszimmerfenster, mit Blick auf den Garten. Dort steht ein einzelner Apfelbaum, der jetzt im Herbst sein Laub abwirft. Ein nicht allzu alter, aber sehr niedriger und unansehnlicher Baum. Mal trägt er fünf Äpfel, mal nur drei. In diesem Jahr nur ein einziger. So, als wolle er uns sagen: Lasst es mich im nächsten Jahr noch einmal versuchen, ich strenge mich ja an.

Und dieser Apfel bleibt hängen und entwickelt sich weder vorwärts noch rückwärts. Kein Fleck auf seiner Schale, kein Biss von einem Vogel und kein Wurmstich. Ein kleines Wunder. So, als würden auch die Tiere dem Baum noch eine Chance geben wollen.

Von meinem Fenster aus sehe ich den Apfel leuchten, je weniger Laub, desto mehr. Und eben heute zu der Zeit, als ich am Fenster stand, kam das alte Pärchen wieder an. Sehr langsam wie immer, sie sehr behutsam, er auf der Straßenseite. Als sie stehen bleibt und an den Baum starrt. Sie stand einfach nur da und schaute. Er hat wohl gesehen, was sie entdeckt hat,  schaute kurz zu mir, nickte, und blieb mit ihr an der Hand stehen.

Lange Minuten vergingen, ich habe derzeit in der Küche ein paar Handgriffe gemacht, als ich beim schließen des Fensters sah, dass die Beiden noch immer auf den Baum starren. Er hatte seine Stirn an ihre Schläfe gelegt und etwas in ihr Ohr geflüstert. Nach einiger Zeit hat er ihr einen Kuss auf den Backen gegeben. Ein solch glückliches Lächeln auf dem Gesicht eines Menschen wie auf dem Ihrigen an diesem Nachmittag habe ich noch nie gesehen. Geschlossene Augen, ein glücksseeliges Lächeln, wie ein junges Mädchen. Eine solch innige Geste nach so vielen Jahren gemeinsamen Lebens. Und nicht nur die Frau war ergriffen.

Unser Baum bekommt auch im nächsten Jahr noch eine Chance. Ertrag ist nicht Alles im Leben, manchmal kommt es auch auf die Zwischentöne an.


Kommentare

  1. Was ich in den letzten 20 Tagen gelernt habe: Egal was dich trifft, egal wie schlimm es scheint, es ist nicht das Ende des Glücks. Das Glück mag anders aussehen, als man es sich denkt. Es mag für Außenstehende vielleicht sogar unsichtbar sein. Aber es ist da.
    Ich habe in den letzten zwanzig Tage öfter vor Glück, Freude und Ergriffenheit geweint als vor Kummer, Angst und Sorge. Und wenn das alles, was um mich herum gerade passiert nur für diese Erkenntnis gut war, es ist ok.

    Grüße! N.

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  2. Wunderschön! Auch ich bin ergriffen, und das nicht zu knapp...

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  3. Hast du sooo schön geschrieben! Hab ich ganz nasse Augen.

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  4. Und weißt Du was? Ich hab auch so einen Baum, eher ein Bäumchen. Dieses Jahr hat er 2 Äpfel, etwa so groß wie ein Tischtennisball. Eigentlich hab ich gesagt das lohnt sich nicht mehr, aber ich glaube, ich hole ihn doch her und gebe ihn eine Chance. Und immer wird er mich an Deine Geschichte erinnern.

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