Direkt zum Hauptbereich

Der Günter, der Henryk und der Michel

Grass schreibt krass. Das ist bekannt, mein Fall ist der Mann trotzdem nicht. Die Blechtrommel fand ich schon überbewertet, seine anderen Werke habe ich nur angelesen. Uninteressant. Na, wenn man erst einen Namen hat, dann fallen die Kritiker wohl auch mal auf die Knie und die Leserschaft sieht ein "must-have" in allem, was produziert wird.

Grass war bei der SS. Mein Opa auch. Auch ein paar Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, manche leben noch. Sind trotzdem nette Wesen, die im Strudel der Zeit in die Fänge dieser unsäglichen Maschinerie geraten sind. Und nicht wenige davon haben noch heute Albträume, Schuldgefühle und mehr als schlechte Erinnerungen an diese Zeit. Immer dann, wenn ich Zeitgenossen darauf anspreche, dann merkt man fast körperlich, dass in den gut 70 Jahren nach dem Kriegsende ein Umdenken, ein Überdenken und ein Einsehen stattgefunden hat. Das war Mist, was sich das Deutschland der 30er und frühen 40er Jahre geleistet hat. Gelinde ausgedrückt.

In der Schule lernen wir: Nazis sind Bäh. Hitler ist Bäh. Und Antisemitismus ist Bäh. Und richtig ist das. Die Nachkriegsgenerationen werden geschult, die Menschenwürde ebenso zu achten und zu verteidigen wie das eigene Leben. Ein paar Irrgeleitete gibt es, dagegen gibt es Gesetze und die Staatsmacht, die da recht gut aufräumt.

Ich bin der Meinung, dass Deutschland den Antisemitismus und den Nationalsozialismus recht gut unter Kontrolle hat. Beide Formen der Menschenverachtung sind öffentlich geächtet, in der Gesellschaft auch weit weniger toleriert, als man uns gerne einreden möchte. Auch das ist gut so, korrektes Verhalten hat noch niemanden geschadet, ebensowenig wie eine Zivilcourage, die die Finger in offene Wunden legt. Dazu gehört es auch, dass jeder der in der Demokratie der Bundesrepublik lebende Bürger seine Meinung frei kundtun darf. Auch Günter Grass ist einer dieser Bürger, auch er hat das Recht, sich zu erklären, Denkanstöße zu geben und Diskussionen anzuregen. Eben auch einmal die Finger in die Wunde zu legen. Dieses Mal eben in die Wunde der heiligen Kuh Israel.

Prinzipiell läuft "der Deutsche" gerne Gefahr, pauschal und vorschnell als Antisemit oder Neonazi abgestempelt zu werden. Anstatt hinzusehen, was das Gegenüber sagen will, wird hier pauschal das Gutmenschentum heraus geholt, in der Hand die berühmte Nazikeule, manchmal auch die globale und endgültige Version. Vorurteile äußern und Vorverurteilungen aussprechen ist einfacher, als sich mit den Dingen auseinander zu setzen, die da niedergeschrieben wurden.

Und wie immer haben die Stimme der Empörung die Mitbürger an sich gerissen, die dafür bekannt sind. Ganz vorne dabei haben wir Paolo Pinkel, besser bekannt unter seinem Klarnamen Michel Friedmann. Berufsbetroffener, der seinem Gesprächspartner gerne in das Wort fällt, dieses umdreht, manipulativ ist. Seinen Diskussionspartnern vorwirft unaufrichtig zu sein, dabei aber vergisst, selbst über Jahre die Öffentlichkeit und auch sein nächstes Umfeld getäuscht zu haben. Und für mich der einzige mir bekannte (aus meinem Umkreis und dem öffentlichen Leben) Jude, den ich nicht mag. Der mir unsympathisch bis zum Anschlag ist. Dieser Michel Friedmann kommt nun mal wieder aus der Versenkung hervor gekrochen. Und er versteht es, aus dem Grass´schen Text die Dinge zu extrahieren, die ihm genehm sind. Dass Grass aber auch den Iran angeht und dessen Oberhaupt, das wird gelinde unter den Tisch gekehrt. Auch die Kritik an Deutschland, einem im Krieg mit seinen Nachbarn befindlichen Staat namens Israel mit Kriegsgerät zu beliefern, fällt einfach weg. Man - oder besser Michel Friedmann - pickt sich die für sich bequemen und aufpuschenswerten Dinge aus dem "Gedicht" heraus.

Broder dagegen macht es sich noch einfacher. Er, als Publizist der Worte und ihrer Wirkung bewusst, schreibt, dass Grass früher ein SS-Mann war, heute wie einer schreibt. Abqualifiziert, ohne sich mit dem Text etwas auseinander zu setzen. Mit der pauschalen Verurteilung Grass´ ist er schnell zur Hand, will so eine andere Sehensweise auf den Staat Israel unterbinden. Natürlich hat es Israel als jüdischer Staat umgeben von Staaten mit muslimischer Prägung nicht einfach. Aber, anstatt sich z. B. mit dem Iran einfach einmal an einen Tisch zu setzen und mit einem wirklichen Friedensziel zu verhandeln, gibt es immer wieder nur kurze Ruhepausen, die von Angriffen und Racheaktionen verfolgt werden. Wer in dieser Region nun wirklich ein Kriegstreiber ist, ist fast nicht mehr zu erkennen, die Parteien sind verhärtet. Und Grass hat somit nicht unrecht, wenn er anmahnt, dass die deutsche Regierung einem Waffengeschäft mit einem Staat zugestimmt hat, der sich immer irgendwie im Krieg befindet. Zumal es sich bei der Lieferung des U-Bootes um einen Waffenträger für Atomraketen handelt. Prekärer macht es in meinen Augen die Tatsache, dass Israel dem Iran offen gedroht hat, mit einer solchen Waffe die mutmaßlichen (wir erinnern uns an den Grund des Irak-Krieges!) Atomsilos zu vernichten. Der Nachweis über eine dem Iran gehörende Atomrakete dürfte nach der Zerstörung mit einer israelischen Atomrakete zumindest schwer zu widerlegen sein. Hier zumindest eine Kritik zu äußern, dies sollte jedem Bürger freistehen, solange es sich nicht um eine Hetze gegen das Judentum handelt.  Und nur dies hat Grass getan. Dabei gleich auf Abwehrhaltung zu gehen, keine Kritik am Staat Israel zu zu lassen und wie ein rohes Ei zu behandeln, dies greift ein wenig kurz. Wir sollten nicht vergessen, dass beide Staaten, Israel und Iran, nicht zimperlich und keine Waisenknaben im Umgang mit Feinden sind. Und eine Mahnung zur rechten Zeit kann vielleicht die Gemüter wieder etwas abkühlen. Wenn die Öffentlichkeit dazu Stellung nehmen darf, ohne Angst haben zu müssen, gleich als Nazi oder Ewiggestriger verurteilt zu werden.

Bleibt zu fragen: ist dieses "Gedicht" von Grass es überhaupt wert, diskutiert zu werden? Für mich viel Wind um die Gedanken eines alternden Mannes, der einfach nur niederschreibt, was er denkt. Ob er dabei richtig liegt, wird die Zukunft zeigen. Dass er daneben liegt und keine atomare Auseinandersetzung folgt - das bleibt zu hoffen. Gelernt haben die Menschen aus Nagasaki und Hiroshima scheinbar nichts. Immer drauf, mal sehen, wer mehr Leid beim Gegner verursachen kann. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Dumm, wer sie niederschreibt?

Kommentare

  1. Man jetzt hab ich so ein langes Kommentar geschrieben und wech isset.
    Du hast recht mit dem was du schreibst.
    Doch muss ich sagen ein bisschen hämisch bin ich doch.
    Wenn ich bedenke wenn Grass schon alles unter Naziverdacht gestellt hat, halb Deutschland.
    So schnell kann es gehen ein Islamkritiker wird zum Rassisten und Nazi gemacht und ein Linker zum Antisemit.
    Fühlt sich nicht gut an so ein Stempel, vielleicht hat die Sache ja etwas Gutes.
    Wir führen zu wenig faire Diskussionen, weil wir uns schon von vorne herein mit solchen Stempeln aushebeln.

    PS: Friedmann ist für mich eine absolut unglaubwürdige Flitzpiepe.

    AntwortenLöschen
  2. Schuschan, so schnell kann es gehen. Kaum sagt/schreibt man etwas, ist man in eine Ecke gestellt. Eine freie Meinung? Nur dann gewünscht, wenn sie PC ist und nicht auch mal etwas unangenehm. Und den Michel Friedmann empfinde auch ich als unangenehme Person, was nichts mit seiner Religion zu tun hat.

    Ein Bekannter hat mal einen Witz erzählt, der in Israel(!) über Michel Friedmann kursiert. So viel dazu. :-)

    AntwortenLöschen
  3. DSL, ... Ich weiß nicht.
    Nur soviel zu deinen Zeilen
    Deine letzten zwei Sätze treffen den Nagel auf den Kopf!
    Eine Antwort auf das Fragezeichen? JA.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

90 Minuten Ruhe und Entspannung

Bild: Eingangsbereich zum Bad in Bad Staffelstein

Piscina. Ich war überrascht, dass ich zu meinem Geburtstag einen Gutschein für einen Aufenthalt im Piscina bekommen habe. Mir war der Begriff bis dato nur als kirchlicher bekannt, bezeichnend für das Handwaschbecken in Kirchen. Einfach zu Reinigung.

Bild: Die Piscina

Und die Assoziation war nicht einmal so falsch. In oben genannten Gutschein-Fall ist Piscina etwas erweitert zu sehen, und zwar als Becken, in welches man Wasser füllt - und eben wieder ablässt. Dieses Piscina befindet sich in dem der Klinik Bad Staffelstein angeschlossenen Bad. Unseres, wir hatten das mit der Nummer eins, wird durch eine Art Schleuse betreten, die gleichzeitig auch als Umkleideraum fungiert. Da diese nur durch einen einfachen Fallriegen zu verschließen ist, empfehlen wir, Wertsachen im Auto zu belassen.

Die Piscina selbst ist komplett gefliest, helle, freundliche Farben, zwei Schalen mit Kerzen sorgen für eine gewisse Grundstimmung, eine eigene Dusche sowie z…

Ragout Fin - der Convenience-Test

Mitte der 70er Jahre im 20. Jahrhundert war es ein Edel-Essen auf jeder besseren Party; Ragout Fin. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Mutter diese -damals noch recht teuren- Blätterteigförmchen gekauft hat. Und drei Tage vorher wurde uns das Maul schon wässrig gemacht. Zumindest haben mich diese Teilchen auf Anhieb überzeugt. Eigentlich mehr der Inhalt, den ich auch Heute noch gerne esse. Zeit, einen Test zu veranstalten, nachdem in der letzten Zeit immer mehr dieser Convenience-Produkte auf den Markt kommen.

Im Test befinden sich Aufwärm-Produkte von verschiedenen Discountern, teils auch Aktionsware wie das Produkt der Marke Sodergarden, hergestellt von Tulip. Zwar sind diese nicht immer zu bekommen, einen Geschmackstest kann man ja trotzdem machen. Natürlich völlig uneigennützig... Erwärmt werden die Produkte jeweils auf 60° Celsius, um eine Basis für die Vergleiche zu haben. Gemessen werden die Temperaturen mit einem Digitalthermometer, um eine Überhitzung und somit Beei…

Geschmackstest - "Royal One" Burger für die Mikrowelle von LIDL

Heute stand auf den Speiseplan: Nichts.
Einzukaufen war: Nichts.
Ich war also nur Begleiter und hatte Zeit, die Augen ohne Einkaufszettel einfach so über die Regale schweifen zu lassen. Und siehe da, es gibt Neues.





Neugierig wie ich bin, wenn es um "Lebensmittel" geht, besonders dann, wenn es sich um Neuheiten handelt, muss ich zuschlagen. Manchmal geht es gut, manchman falle ich mit Anlauf auf die Nase.

Die Zubereitung ist für Nichtskönner, ich sollte somit damit klarkommen. Mikrowelle auf, das Teil inklusive Verpackung hinein, 600 Watt, 90 Sekunden. Einfacher gehts nur, wenn die Packung mitgegessen werden kann, ohne das Teil vorher durch die Teilchenkammer zu jagen.

Gesagt, getan, zwei Minuten später steht das Ding heiß und dampfend vor mir. Und riecht. Aber nicht gut, irgendwie "komisch". Nach Schwein. Wer schon einmal Insulin gerochen hat, der weiß, was ich meine.

Eigentlich sage alle Sinne, dass ich die Finger davon lassen solle. Aber, der männliche Forscherdr…