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So Dinge so

Peinlichkeiten sind solche Dinge. Also Situationen, die einem jahrelang im  Kopf bleiben.

Einer dieser Bockschüsse war in den ausgehenden 80er Jahren ein Besuch in dem Stall, in dem ich geritten bin. War spät aus der Firma gekommen, haste den Gang entlang, als mich ein Geruch umhaut. Selachsfiletschnitzel, mit vielen Zwiebeln, auf Brötchen. Aber richtig massiv. Schneidbarer Gerucht. Putzkoffer geschnappt, Sattelzeug und Zaum genommen, auf zum Stammpferd. Und da war er wieder. Kein Geruch, ein richtiger Gestank. Immer schlimmer, sogar das Pferd hat leichte Tendenzen zur Flucht gezeigt. Also wird der Unmut an den putzenden Kollegen in der Nebenbox weitergegeben. Dieser schaut - und schweigt. Wenig später höre ich, dass sich seine Frau mit einer Mutter einer Reitkollegin unterhält. Über das Thema Schweiß und dass ihr Mann wohl ein kleines Hygieneproblem habe. Eigentlich hätte es dem Leiter einer Behörde in Coburg peinlich sein sollen, jedoch war es mir unangenehm. Übrigens: Er riecht noch immer, zumindest bei der letzten Begegnung.

Der gleiche Mensch hat mich allerdings auch einmal auf einer Ausstellung aufgefordert, die Kunstkuh zu melken. Da ging es darum, aus einem Kunststoffeuter in einer gewissen Zeit möglichst viel an Milch herauszupressen. Scheinbar hatte er mich da unterschätzt, weil er nur wusste, dass ich einen Beruf aus der Sesselpupsergilde hatte. Und für einen Bleistift benötigt man weder heroische Kräfte, noch besonderen Geschick. Dumm für ihn, dass er keine Ahnung hatte, dass ich auch regelmäßig in der Produktion ausgeholfen habe. Da war es am Tag hundertfach nötig, rutschende Papiere und Pappen mit den Händen zusammenzupressen und frei schwebend vor dem Körper zu tragen. Bis zu 50 kg waren da keine Seltenheit. Und für die Verarbeitung an der Bandsäge durften die Päckchen auch nicht verrutschen, da es um Zehntelmilimeter ging. Also auch hier: pressen. Was im Umkehrschluss nicht nur einen recht festen Händedruck beschert hat, auch das Zusammenpressen der Gumminippel ging recht gut. So gut, dass ich da nicht als Blamierter auf der Bühne stand, sondern die drei Landwirte, die gegen mich antraten. Vier Tage war meine gemolkene Menge die Höchste. Aus irgendeinem Grund durfte ich dann recht schnell die Bühne verlassen.

In die Kategorie "Schäm" passt auch der lange zurückliegende Besuch bei einem Kunden. Früh gab es einen Döner, schön mit Zwiebeln und Zaziki. Mittags gebackenen Blumenkohl und dann hieß es: "Sofort antreten, Mängellieferung." Dumm, dass die Verdauung nicht anhalten geht. Als der Kunde dann endlich mit seiner Eloge fertig war - wir haben da eine gute Stunde gesessen, anstatt das in den maximal notwendigen 10 Minuten zu klären - sprang ich in mein Auto und wollte nur noch weg. Und das natürlich ohne die drückenden Gase im Bauch. Lüftung an, Fenster auf und..... Der Kunde hatte das allerdings gesehen, hatte die sich öffnenden Fenster falsch gedeutet, kam an das Auto, streckte den Kopf auf der Beifahrerseite hinein und fragte, ob es noch Fragen gäbe. Tja, und irgendwie war ihm schlagartig klar, dass da die Natur eines der Rechte gefordert hatte. Ich habe bis heute keine Ahnung mehr, was ich gestammelt habe, aber die nachfolgenden Besuche wurde ich immer besonders freundlich begrüßt. Kann auch sein, dass es ein Grinsen war.

Nun ist es ja nicht nur mir passiert, dass Peinlichkeiten entstehen. Irgendwann an einem sehr, sehr ruhigen Freitagmittag, kurz vor den Sommerbetriebsferien, musste ich außer Haus etwas besorgen. Zurück in der Firma - die Angestellten in Produktion und Lager hatten schon frei - hörte ich beim betreten des Lagers ein komisches Geräusch. Um die Ecke in das Büro geschaut - und lokalisiert. Da lag sie. Die Schwester, dahingerafft von der Müdigkeit in Kombination mit dem vollen Bauch. Und sie lag da nicht irgendwie, aber auch nicht in einem offenen Stempelkissen, was ich wieder schade fand. Aber sie hatte den Kopf mit der Stirn auf den Arm gelegt, der von einem grobmaschig gestrickten Pullover bedeckt war. Und das Geräusch war ein tiefes Schnaufen. Naja, ok, ein schnarchen.

Nochmals zurück in den Laden, etwas Lärm gemacht, damit sie das Gesicht wahren konnte, als ein Kunde den Verkaufsraum betrat. Die Schwester ums Eck in Richtung Kunden, als ich es schon sah: Ein schönes Relief von der Stirn bis hinunter zum Kinn über den Backen. Knallrot, der Rest recht weiß. Nichts war es mit der Gesichtswahrung, der Blick des Kunden traf mich, wir schauten auf die schlaftrunkene Schwester mit Gesichtsprägung und wieder gingen die Blicke zueinander. Damals mussten wir irgendwie grinsen, heute hätte FB ein schönes Foto für die Timeline.

In der Firma haben wir auch so einige komische Experimente gemacht. Meisst unfreiwillig. Zum Beispiel der Onkel, der, als wir die neuen Betriebsräume bezogen, erstmals mit einer Mikrowelle in Berührung kam. Überstunden waren damals an der Tagesordnung, so hatte er eine Verpflegung dabei. Einen Schweinshaxen. Ab in die Röhre, volle Leistung, damals noch 600 Watt. 27 Minuten. Ende vom Lied: Die Mieter haben Alarm geschlagen, als Rauchschwaden aus dem Aufenthaltsraum drangen, eine Mikrowelle war nach einer Woche Gebrauch schon Schrott, die Räume haben eine Woche lang trotz intensiver Belüftung irgendwie nach verbranntem Tod gerochen und der Onkel hat ernsthaft die kleine Schicht zwischen Verbranntem Äußeren und rohem Knochen gegessen. Nach dieser Aktion haben wir ihm den Unterschied zwischen MW und Backofen erklärt, in der Folge ist nur noch ein Brötchen von innen heraus in Flammen aufgegangen.

Mein Vater war auch so ein Exemplar Mensch, welcher alles, was herumstand in den Räumen gegessen oder getrunken hat. Egal, wem es gehört hat. Meist standen da also ein paar Opferkekse für ihn offen auf einem Schreibtisch, diese hat er dann gegessen. Meine Schwester hatte damals eine Phase, in der sie nur den Bad Rodacher naturtrüben Apfelsaft trank. Mein Vater auch, allerdings immer eine Flasche ex, aus der Flasche direkt und ohne jemals für Ersatz zu sorgen. Flaschenanbruch wurde also in den Büroschrank mit den Akten aus dem Vorjahr gestellt. Dummerweise auch vor dem dreiwöchigen Betriebsurlaub. Der Vater auf der Suche nach einer Akte und immer mit Appetit und Hunger, dafür zum Ausgleich aber mit schlechten Augen und einer Gier, die den Verstand oft ausgeschaltet hat. Akte gefunden, auch die Flasche Saft. Gegen Ende der Ferien. Was also heißt, dass da ein Saft knapp drei Wochen ohne Kühlung im Sommer im Schrank stand. Zum Glück hat es nicht den Deckel abgerissen. Anstatt aber einfach einmal darüber nachzudenken, dass da etwas nicht stimmen kann, wurde der Deckel entfernt und die Flasche geleert. In einem Zug, wie es von ihm praktiziert wurde. Mein Vater hatte einen guten Magen, ihm ist nichts passiert. Nach dem Urlaub aber gab es von ihm eine Beschwerde. Wir mögen doch bitte den Apfelsaft mit dem Fruchtfleisch nicht mehr kaufen. Der schmeckt erstens nicht so gut und zweitens schluckt der sich unangenehm. Keiner wusste was gemeint war, bis wir dann die Flasche im Regal fanden. Leer zwar, aber wieder mit einem leichten Flaum auf dem Boden. Apfelsaft gab es dann auch nie wieder bei uns.

Seinen schlechten Augen hatte mein Vater auch zu verdanken, dass er an jeder Familienfeier ein kleiner Anlass für einen Schwank aus seinem Leben war. In seinen mittleren 40er Lebensjahren war er zwar schon ruhiger, aber wenn er mit seinen Fußballkumpels unterwegs war, dann konnte das auch schon ausarten. An einem Samstag war es wieder soweit. Ich sogar schon im Bett, meine Mutter sowieso, kam der Vater mitten in der Nacht nach Hause. Egal wie gut das Bier geschmeckt hat, der Fernseher musste nochmals angeschaltet werden, meist ging es mit einem Stück Wurst aus dem Kühlschrank in seinen Stammsessel. So auch an diesem Tag, nur eben ohne die gewohnte Blutwurst. Die hatte die Mutter aufgegessen. Wahrscheinlich hat er gegrummelt und sich niedergelassen. Am nächsten Morgen wurde der Mutter aber der Kopf gewaschen, wie sie es denn schaffen würde, eine so schlechte Qualität von Rotwurst zu kaufen. Diese wäre unheimlich hart und vom Geschmack her unter aller Sau. Nein, diese bitte nicht mehr. Fragezeichen im Gesicht der Mutter, war doch keine Wurst mehr da. Später dann, als sie den Wohnzimmertisch ordnen wurde, fand sie allerdings das angegessene Stück. Eindeutig von meinem Vater angebissen, aber nicht aufgegessen. An den Lachanfall kann ich mich bis heute erinnern, als sie meinem Vater das angebissene Stück Blumenstrauß gezeigt hat, welches in Kombination Sehschwach und zu viel Alkohol durchaus ähnlich war. Aus dem uralten Trockengesteck auf dem Tisch war ein Kolben der Lotusblüte gefallen. Dunkel über die Jahre, von der Form her wie ein Endstück einer Blutwurst. Und scheinbar verlockend genug, um die Zähne darin zu vergraben.

Dumm gelaufe ist es dann, wenn man den Hörer für den Türöffner abnimmt, hineinruft "Komm hoch, Arschkind, ich hab´ ein Bier für Dich Säufer kalt gestellt!" und auf den Summer drückt. Und die Tür nicht aufgeht. Nachfrage "Hast Du im Suff verlernt, die Tür zu öffnen?" und als Antwort kommt: "Ich will die Zähler ablesen. Im Dienst darf ich kein Bier trinken....". Der Kumpel kam eine viertel Stunde später, Handys gab es noch keine. Glücklicherweise wechseln die jedes Jahr das Ablesepersonal.








Kommentare

  1. Hihi, sehr lustig. Aber so Sachen passieren eben und spätestens nach ein paar Jahren kann man mit etwas Glück selber drüber lachen;) Ich weiß noch, wie mir mit 15 in der Schule der Absatz vom Schuh weggeknickt ist. War kein High-Heel, aber ganz flach auch nicht, so dass es natürlich auffiel, dass ich da mit einem Absatz- und einem flachen Schuh durch die Schule hinkte. Und dann noch zur Bushaltestelle...mit dem Getuschel hinter mir...gruselig;) Aber nun ja auch laaaaange Geschichte.

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  2. Nee, ich meinte nur, dass ist ja nun schon ewig her - es ist also (schon) lange Geschichte. Aber damals - vor allem in dem Alter - denkt man ja, man überlebt das nicht*gg*

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    1. Logisch, lange her. Die jungen Peinlichkeiten sind ja noch ganz schlimm frisch.
      Trotzdem: erzähl... ;-)

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